Rezension: Johannes Reimer “Die Welt umarmen” (Rudolf Ebertshäuser)

      „Die Welt umarmen?“

 

Johannes Reimers „Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus“

 

Eine kritische Buchbesprechung von Rudolf Ebertshäuser

 

Ein Auszug  aus dem  im  Herbst 2012 erschienenen  Buch  Zerstörerisches  Wachstum.  Manche Bezüge sowie die ausführlicheren Literaturangaben sind in dem Manuskript Gemeindegründungsbewegungen zu finden, das auf www.das-wort-der-wahrheit.de veröffentlicht ist.

 

Johannes Reimer hat als einer der führenden Vordenker der deutschen missional-emergenten Strömung im Jahr 2009 ein Buch mit dem provozierenden und sehr aufschlußreichen Titel „Die Welt umarmen“ herausgebracht.1  Es ist der Versuch, seine grundlegenden Lehren zu einer „Theologie des  gesellschafts- relevanten Gemeindebaus“ zu formulieren. Das Buch wird von vielen Anhängern  missional-emergenter Lehren angeführt und hat sicherlich einen prägenden Einfluß in dieser Szene ausgeübt; daher ist es an- gebracht, wenn wir es in aller notwendigen Kürze etwas kennzeichnen und beurteilen.

 

„Gesellschaftsrelevanter Gemeindebau“ ist Johannes Reimers Formel, um das von ihm vertretene emer- gent-missionale Gedankengut zu verbreiten, ohne das Reizwort „emergent“ dabei direkt zu gebrauchen. Mit diesem Stichwort umschreibt er sein Konzept einer Gemeinde, die sich im Sinne der missionalen Irrlehren ganz auf die Welt einläßt, sich kontextuell nach ihr formt und sie durch sozialpolitisches Enga- gement transformiert. Diese Gemeinde wird ganz im Sinne emergenter Auffassungen als Gemeinde eines neuen Paradigmas für das postmoderne 21. Jahrhundert vorgestellt.

 

 

Reimers Ansatz – geprägt von emergenten Denkern

 

Reimer bezeichnet in seinen einleitenden Ausführungen die falsche Theologie und die „Christentums“- Auffassung der Evangelikalen als das Kernproblem; er fordert einen theologischen Paradigmenwechsel im Sinne der missionalen Theologie, wobei er sich auf emergente Autoren wie Frost Hirsch (Die Zukunft gestalten) und McLaren (The Church on the Other Side) sowie auf das Gospel and Our Culture-Netzwerk beruft (17-19). McLaren folgend tritt Reimer dafür ein, eine völlig neu konzipierte Gemeinde (reinven- ted church) zu gründen, statt nur kulturelle Anpassungen bei traditionellen Gemeinden vorzunehmen. Er will damit mit Hirsch/Frost „aus der Box des Christentums heraustreten“ (23); es muß „neu gedacht werden“ (22).

 

McLaren folgend betont  Reimer  dann, daß erfolgreicher Gemeindebau auch davon abhänge „ob eine Gemeinde auch zu einer verständlichen und in der Gesellschaft angenommenen Form und Struktur ge- funden hat.“ Er folgert daraus: „In einer Theologie des Gemeindebaus muß daher die Frage nach der Gesellschaftsrelevanz  gestellt  werden  (…)  Die  beiden  australischen  Autoren  Michael  Frost  und  Alan Hirsch gehen sogar soweit, dass sie die Gesellschaftsrelevanz zu einem entscheidenden Kriterium der missionarischen Gemeinde machen“ (24).

 

Für eine missionale Gemeinde sei die Gesellschaftsrelevanz entscheidend wichtig: „Es ist die Kultur- und Gesellschaftsrelevanz, die im Wesentlichen darüber befindet, ob eine Gemeinde missional gedacht wird. Gesellschaftstransformation als Auftrag der Gemeinde ist in der Tat ‚the bottom line‘ [= Das Entschei- dende - RE] einer missionarischen Durchdringung der Gesellschaft“ (24). Den Missionsbefehl Matthäus

 

 

1 Reimer, Johannes: Die Welt umarmen. Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus. (Transformationsstudien Bd. 1) Marburg/L. (Francke) 2009

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28,18ff. legt Reimer an anderer Stelle so aus: „Der Bau des Reiches Gottes auf Erden wird somit zur

Transformation der Völker und ihrer sozio-kulturellen Räume“ (160).

 

Ähnlich wie die ökumenischen Gospel and our Culture-Theologen und auch sein Lehrer David Bosch kriti- siert Reimer ältere Ansätze, die von der klassischen Gemeindewachstumsbewegung inspiriert sind, als unzureichend und zuwenig theologisch (d.h. im Sinne der missionalen Lehren) fundiert. Sein ganzer An- satz ist einerseits stark von den führenden emergenten Theologen McLaren, Frost und Hirsch geprägt, auf die er sich in seinen einleitenden Seiten immer wieder bezieht, andererseits von seinem liberal- ökumenisch  geprägten  Lehrer  David  Bosch:  „Dabei  orientiere  ich  mich  an  den  neutestamentlichen Grund-Denkstrukturen, wie sie David J. Bosch in seinem Entwurf zur Missiologie [d.h. Transforming Mis- sion - RE] vorgeschlagen hat“ (35).

 

In einem größeren Abschnitt „Gemeinde im Neuen Testament“ versucht Reimer nun das Zeugnis der neutestamentlichen Schriften so zu deuten, daß sie seine Lehren vom missionalen, gesellschaftsrelevan- ten Gemeindebau stützen sollen. Das geht nur mithilfe von liberaltheologischen Tricks und Denkkapriolen, die die Aussage des Textes selbst und ihren Zusammenhang gründlich ignoriert und den biblischen Text lediglich als Ansatzpunkt für selbsterdachte Deutungsmuster nimmt. Wie sein Vorbild Bosch stellt er dabei verschiedene Ausdeutungen nebeneinander und verknüpft sie dialektisch, ohne irgendwie darauf einzugehen, daß die Gesamtheit der neutestamentlichen Aussagen in sich selbst eine schlüssige Lehraus- sage ergeben könnte. Hier können wir nur auf einige herausgegriffene Punkte kurz eingehen.

 

 

Hat die ekklesia gesamtgesellschaftliche Verantwortung?

 

Ein Lieblingsargument von Reimer stützt sich auf die im weltlichen Griechisch vorherrschende Bedeutung des  Wortes  für  Gemeinde,  ekklesia,  das  auch  eine  zusammengerufene  Versammlung  freier  Bürger  in einem Stadtstaat (polis) bezeichnen kann. Reimer ignoriert nun souverän die gesamte Lehre des NT und besonders des Paulus über das völlig andere geistliche Wesen der ekklesia in Christus und behauptet einfach, die Gemeinde habe wie die Bürgerversammlung auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwor- tung, was durch diese Wortwahl belegt sei. Schließlich sei ja im Himmel gebunden, was sie auf Erden bindet; was sie auf Erden löst, sei auch im Himmel gelöst (37). Die Gemeinde sei „eine soziale Gestalt, die mit der Verantwortung für diese Welt versehen ist“ (38).

 

Wenn aber die ekklesia die Verantwortung für die Welt hat, was ist dann sonst der Sinn ihrer Zusammenkünfte und Entscheidungen, wenn nicht der Wille Gottes für die Welt, seine Königs- herrschaft und der Aufbau seines Reiches in der Welt? Darum soll sie sich ja als Erstes kümmern.

„Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch alles ande- re hinzugefügt werden“, verspricht Jesus (Mt 6,33). (…) Denn was sie entscheidet, hat Folgen. Was sie bindet, bleibt gebunden, was sie löst, kann nicht mehr gebunden werden (Mt 16,18). Und das gilt nicht nur in geistlichen Belangen, sondern umfassend und ganzheitlich. Denn auch das Reich Gottes ist ganzheitlich und umfassend. (38-39)

 

Man kann rätseln, was Reimer mit dieser gesellschaftsweiten Vollmacht, zu binden und zu lösen, meint. Diese abseits jeder biblischen Auslegung erfundene „Generalvollmacht“ läßt sich am ehesten im Sinne radikalcharismatischer Irrlehren erklären, nach denen die Proklamationen und „Gebete“ der Gemeinde in der unsichtbaren Welt Realitäten schaffen würden, Dämonen binden, Regierungen stürzen und „Trans- formationen“ freisetzen (einige Radikalcharismatiker haben tatsächlich den Fall der Mauer als Frucht ihrer „Proklamationen“ gedeutet!). Reimer ist ja durch die charismatischen Irrlehren geprägt worden, was auch in seinen Ausführungen zum Apostel- und Prophetendienst offenbar wird. Diese abstruse Deu- tung verpflichtet also die „gesellschaftsrelevanten“ Gemeinden dazu, sich in ihren Versammlungen vor- rangig mit „Gesellschaftstransformation“, Kommunalpolitik, sozialdiakonischen Projekten usw. zu befas- sen. Wer diesen „Auftrag“ versäumt, dem spricht Reimer jede Existenzberechtigung ab:

 

Nimmt man aber der ekklesia diesen öffentlichen Charakter, dann gestaltet sich die Versamm- lung zu einer aus der Welt herausgerissenen Masse der um ihr eigenes Heil besorgten Menschen, die keinerlei Verantwortung für die Welt mehr empfindet. (…) Gemeinde als Versammlung hat daher nur dann ihre Existenzberechtigung, wenn sie sich von Gott zur Verantwortung rufen lässt. (39)

 

 

 

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Der angebliche sozialpolitische Auftrag an der Welt und die düstere Gerichtsdrohung

 

In seinem willkürlichen und völlig unbegründeten Streifzug durchs Neue Testament, wo er „Spuren für eine Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus“ finden möchte (62), kommt Reimer auch im Matthäusevangelium vorbei. Hier deutet er alles im Sinne seiner missionalen Irrtümer und sieht die Ge- meinde zu sozialdiakonischem Dienst an den Armen der Welt gesandt: „Das Ziel ist eine bedürftige Welt, die hungert, dürstet, gefangengehalten wird. Geht die Gemeinde nicht hin und gibt dem Hungrigen nicht zu essen und dem Durstigen nichts zu trinken und offeriert sie dem Kranken keinen Besuch, so hat sie ihr eigentliches Dasein verfehlt und muß sich dem Gericht Gottes stellen (25,31ff.)“ (64).

 

Das ist eine dreiste Verdrehung dieses Bibeltexts und der biblischen Lehre. In Matthäus 25 spricht der Herr ausdrücklich von „alle Heidenvölkern“, die in dieses Gericht kommen, und nicht Seine bluterkaufte Gemeinde. Und der Dienst, den der Herr erwartet, wird überhaupt nicht an den Armen, Hungrigen und Durstigen dieser Welt getan, wie immer wieder von verführten missionalen Predigern verkündet wird, sondern es geht um die Haltung der Weltmenschen gegenüber den erlösten Knechten des Herrn (heilsge- schichtlich gegenüber den Evangeliumsboten in der antichristlichen Drangsalszeit). Der Herr sagt aus- drücklich: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder getan habt“, und solche Brüder können nur Gläubige sein (vgl. Mt 12,50).

 

Damit verbunden ist eine völlig verdrehte Auffassung von christlicher Diakonie. Im neutestamentlichen Sinn ist diakonischer Dienst ausschließlich Dienst innerhalb der Gemeinde, an anderen Heiligen, um de- ren Bedürfnissen nachzukommen; das wird an allen Stellen deutlich, die von diakonia im Sinne des Dien- stes an anderen sprechen (vgl. Apg 6,1;Röm 12,7; 1Kor 16,15; 2Kor 8,4; 9,1+12+13; sowie auch Apg 6,2;

1Tim 3,10+13). Wenn es um Hilfe für Außenstehende geht, wird nur der Begriff „gute Werke“ bzw. „Gu- tes tun“ gebraucht (vgl. Mt 5,16; 2Pt 2,12), und dabei liegt die Priorität ebenfalls eindeutig bei den

„Hausgenossen des Glaubens“ (vgl. Gal 6,10; 1Tim 5,10; 6,18; 2Thess 3,13).

 

Ganz im Gegensatz dazu behauptet Reimer unter Berufung auf Bosch, „dass christliche Diakonie jedes gute Werk, sowohl an Individuen als auch an der Gesellschaft miteinzuschließen hat“ (174). Dazu be- müht Reimer dann auch den berühmten Liberaltheologen Bonhoeffer und seinen Spruch „Die Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist“, den schon der ÖKR für seine Irrlehren benutzt hat (175). Dann geht Reimer noch einen Schritt weiter: „Diakonischer Dienst, der so weit gefasst ist, der gesamtgesell- schaftlich angelegt ist, hat einen klaren politischen Auftrag. Wer so dient, der will verändern“ (175). Kühn und ohne jeden biblischen Rückbezug spinnt Reimer diesen Faden immer weiter:

 

Eine dienende Gemeinde kann niemals eine angepasste Gemeinde sein. (…) Sie nimmt sich nicht der Themen der Mächtigen, sondern der Armen, der ungerecht Behandelten, der Witwen und Waisen an. Daran wird Gott sie einst vor dem Völkergericht messen (Mt 25,31ff.). Diakonie lässt die Gemeinde zur Kontrastgesellschaft werden. In der Diakonie geht es um Transformation des sozio-kulturellen Raumes. Und in diesem Sinne um das Jüngermachen des Volkes (Mt 28,18ff.). (175)

 

Später greift Reimer dieses für ihn zentrale Thema noch einmal auf; irgendwie kommt bei solchen Pas- sagen manches von der marxistischen Schulung wieder durch, die Reimer wohl einmal empfangen hat (das meint der Rezensent als ebenfalls ehemaliger Marxist beurteilen zu können). Reimer führt aus:

 

Gemeinde in der Welt, die sich anschickt, die Geschicke der Welt wesentlich zu bestimmen [!!], ist ‚politisch, ob sie es will oder nicht‘. das liegt in der Natur des Auftrags. Wie sollte sie in der Welt gerechte Strukturen leben und fördern und sich aus den Debatten über soziale Ungerech- tigkeit heraushalten? (…) Wie sollte sie Völker zu Jüngern machen, aber diesen Völkern nichts über das sozio-politische Miteinander sagen wollen? (…) Eine solche unpolitische Haltung ist im höchsten Maße politisch, weil sie die Welt sich selbst überlässt. Natürlich wäre das Ungehorsam Gott gegenüber. Natürlich würde das zu einem total unerwünschten Ergebnis am Tage des Ge- richts führen. Man kann die Hungrigen, Durstigen, Verletzten und Gefangenen dieser Welt nicht sich selbst überlassen, ohne dass man hierfür die Rechnung am Tag des Gerichts bekommt. Gott wird von uns Rechenschaft verlangen (Mt 25,1ff.)

 

Reimer legt eine ziemlich fragwürdige Lust an den Tag, genüßlich den bibeltreuen Gläubigen die Strafe der Hölle anzudrohen, dafür daß sie nicht bereit sind, seine sozialpolitischen Irrlehren anzunehmen und

 

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sich politisch zu engagieren. Aber solche Drohungen kommen aus einem finsteren Geist und widerspre- chen klar den Aussagen der Heiligen Schrift.

 

 

Der angebliche „dialogische Charakter“ der Mission und Gemeinde

 

Das Stichwort „dialogisch“ ist in der Missionsdiskussion gefärbt durch seinen intensiven Gebrauch in ge- wissen Denkschulen der ökumenischen Theologie, wo es immer wieder auch für den Dialog zwischen den Weltreligionen verwendet wurde. Reimer weiß um diese Vorgeschichte (178), und dennoch bezeichnet er seine ausgedachte missionalen Auftrag für die Gemeinde mit diesem verführerischen Begriff: „Die Gemeinde hat einen dialogischen Auftrag. Gott bietet sie der Welt als Mustergespräch bzw. als eine Muster-Beziehung an. An ihr kann die Welt gemeinsames Leben lernen. Die Gemeinde ist Gottes soziales Kompetenzzentrum“ (176).

 

Gemeindebau muss den dialogischen Charakter des Auftrags berücksichtigen. Die Gemeinde ist nicht da, um besserwisserisch die Welt zu belehren, sondern sie führt das Gespräch mit dem Ziel, die beste, göttliche Lösung zu finden und zu leben. Nirgendwo wird die Welt ein besseres, gerechteres, demokratischeres Miteinander der Menschen finden als in der Gemeinde des Chri- stus.  (…) Sie wirft demnach nicht mit Imperativen um sich, sondern sucht den Dialog, auch mit Menschen außerhalb der Gemeinde, in der Welt, auf jeder Ebene des menschlichen Daseins. (…) Man wird Gemeinde nur im Gespräch mit der Gesellschaft bauen können, wenn man dialogisch denkt. Erst wo man das zuweilen schwierige Miteinander mit den Menschen in der Welt sucht, wird Transformation möglich“ (177)

 

Reimer geht hier von einem völlig gegen die Lehre der Bibel gerichteten Gemeindeverständnis aus. Dia- log bedeutet immer auch, sich mit dem anderen auf eine Ebene zu begeben und anzuerkennen, daß der andere auch Wahrheiten hat, die man lernen und übernehmen kann. Nirgends lehr die Bibel einen Auf- trag zum „Dialog“ mit der Welt in dem Sinn, wie Reimer das gebraucht. Ja, Reimer scheut sich nicht, den geistlichen Begriff der Gemeinschaft unter den Gläubigen, koinonia, auf die Gemeinschaft der Ge- meinde mit der sündigen Welt auszuweiten; er sagt in bezug auf die Welt: „Es geht um einen Lebens- Austausch, um ein koinoitisches Miteinander, das den anderen in seiner Würde ernst nimmt“ (178). Das ist umso dreister und verkehrter, als die Bibel ausdrücklich vor einer koinonia zwischen Licht und Fin- sternis, Gläubigen und Ungläubigen warnt (2Kor 6,14).

 

Reimer geht noch einen Schritt weiter auf dem ökumenischen Irrweg des Dialogs – durchaus folgerichtig, denn wer dieses falsche Denken einmal annimmt, den wird es von Irrtum zu Irrtum treiben.

 

In der Praxis bedeutet das Dialog und Zusammenarbeit mit allen Menschen, die sich göttlicher Inhalte annehmen. Wer Frieden auf der Welt will, kann nur ein Gesprächspartner der Gemeinde sein, die berufen ist, den Frieden in der Welt zu stiften. Wer soziale Gerechtigkeit in der Welt will, kann nur ein willkommener Mitarbeiter am Bau des Reiches Gottes sein. (…) Nein, die Kir- che  sollte sich weder von den humanistischen Projekten der Menschen vereinnahmen lassen, noch  sollte sie sich darin auflösen. Sie ist und bleibt Gottes „Agent“ der Transformation der Welt.  Und doch kann, ja sollte sie allen Menschen einladen, an dem großen Werk der missio Dei mitzuarbeiten. Und zwar da, wo die Welt es kann und sogar oft besser kann als die Kirche selbst. (186)

 

Das ist ein Freibrief für den interreligiösen Dialog mit Buddhisten und Moslems, die sich für den „Frie- den“ engagieren. Es ist eine Aufforderung, mit den gottlosen Einrichtungen dieser Welt, mit Gewerk- schaften, Regierungsorganen, Parteien und Bürgerinitiativen zusammenzuarbeiten und gemeinsam am

„Reich Gottes“ zu bauen. Alle Menschen, auch die verfinsterten Ungläubigen, können gemeinsam mit der Kirche an der missio Dei arbeiten. Das ist ziemlich genau die üble Linie des Ökumenischen Rates der Kirchen. Genau darauf läuft allerdings die missionale Irrlehre, die Politik der Emerging Church hinaus, die Reimer verficht. Hier läßt er die Katze aus dem Sack.

 

An anderer Stelle ergänzt Reimer diese zutiefst unbiblischen, aber im Sinne der emergenten Irrlehren konsequenten Vorstellungen.

 

Gott ist der Schöpfer, aber er ist auch der Erhalter. Er ist es, der seine Welt in ihren Grundfe- sten erhält. Er ist es, der ihre Geschicke lenkt. Wo aber Gott wirkt, da kann die Gemeinde mit

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Recht Partner im Bau des Reiches Gottes vermuten. (…) Diese Menschen kennen zwar Gott nicht, dennoch tun sie seinen Willen.  (…) Und in der Tat ist vieles, was Menschen an Gutem tun, nur so zu erklären, dass es Gott ist, der es in ihnen wirkt. So werden sie zu Transformations-Agenten in der welterhaltenden und transformierenden Mission Gottes. (183-184)

 

So will Reimer seine Konzepte rechtfertigen, die ein Miteinander, eine enge Zusammenarbeit von „Gläu- bigen“ und Ungläubigen beim Gemeindebau und „Reichgottesbau“ vorsehen. Diese „Gemeinde“ hat mit der biblisch-neutestamentlichen Gemeinde nichts mehr zu tun – mit der Gemeinde, die als heiliger Tem- pelbau geschildert wird, in dem nur lebendige Steine ihren Platz haben, als heilige Priesterschaft, als Gemeinschaft der Heiligen, wo genau zwischen“ denen drinnen“ und denen draußen unterschieden wird, der Gemeinde, die zur Absonderung von den Ungläubigen aufgefordert wird. Reimers emergente „Ge- meinde“ ist ein Gebilde dieser Welt, ein Ausdruck des toten Namenschristentums, das sehr leicht und gut Gemeinschaft mit der Welt pflegen kann, denn Gleich und Gleich gesellt sich gern!

 

Die Gemeinde muss wissen, dass sie nicht allein das Reich Gottes auf dieser Erde baut. Alle Menschen [!!] tragen dazu bei. (…) Gemeindebau, soweit dieser als Aufbau des Rei- ches Gottes auf Erden verstanden wird, wird sich deshalb bewusst des menschlichen Ge- nius bedienen. (…) So wird der gemeindebau zu einemGemeinwesen-Projekt. Hier ent- steht eine Gemeinde für die Menschen, sie ist ein Ort, an dem sie ihren Genius und ihre Verantwortung neu bedenken und ausleben können. (186)

 

Es gäbe noch vieles zu erwähnen, aber wir wollen hier abkürzen. Reimer schreibt eine Abhandlung über die „Trinität“, die sich auf eine von einem orthodoxen Mystiker gemalte Ikone stützt statt auf das Zeug- nis der Schrift – was im Sinne der Postmoderne sicherlich ein origineller Einfall ist (132-138), aber im Grunde nur die mystische Irreführung dieses Theologen dokumentiert; er redet viel vom „inkarnatori- schen Wesen“ der Gemeinde (154-156) und betont, wie zu vermuten, die Wichtigkeit umfassender Kon- textualisierung sowohl des Evangeliums als auch der Theologie und der Gemeinde (198-199); er erwähnt ausführlich die radikalen „Linksevangelikalen“ und ihr Soziales Evangelium als wertvolle geistliche Per- spektive für die Kirche (206-220); er äußert sich sehr lobend über die orthodoxe Kirche wie auch über die katholische Kirche als Vorbilder gesellschaftsrelevanter Mission (96-111).

 

Reimer plädiert auch ausgiebig für eine Anerkennung des charismatischen „Fünffältigen Dienstes“ mit heute noch aktiven Aposteln und Propheten: „Der Genius neutestamentlicher Leitung ist ein Team aus Aposteln, Propheten, Evangelisten, Hirten und Lehrern“ (272-273). Er betont: „Apostolische Dienste sind in den charismatischen und auch in nichtcharismatischen Gemeinden in Afrika, Asien und Lateinamerika völlig selbstverständlich. Die gleiche Entwicklung ist auch im Bereich der Gemeindeentwicklung in Euro- pa und Nordamerika zu beobachten. Es ist diese Entwicklung, die mich ermutigt, ganz bewusst den Be- griff Apostel und apostolische Begabung in meinem Buch zu gebrauchen.“  (73).  Bezeichnenderweise führt er als Beleg dazu die Schriften des Extremcharismatikers David Cannistraci an (274). Es unterliegt für den Kenner keinem Zweifel, daß Reimer von sich selbst überzeugt ist, ein neuer Apostel für die Ge- meinde zu sein.

 

So ist dieses Buch eine traurige Lektüre für jeden, dem die Sache des Herrn und die wahre Gemeinde Gottes am Herzen liegt. Die Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus, die Reimer hier ver- kündet,  ist  eine  verführerische,  zerstörerische  Lehre.  Das  Buch  ist  ein  Lehrbuch  der  missional- emergenten Irreführung, deren Wort um sich frißt wie ein Krebsgeschwür. Es ist schon jetzt in diesen Kreisen ein Standardwerk, auf das sich viele berufen. Es ist zu fürchten, daß viele jüngere Christen von diesem Buch begeistert werden und dadurch auf schlimme Irrwege geraten. Es ist Aufgabe der Hirten und Lehrer im Volk Gottes, wachsam zu sein und vor solchen Irreführungen zu warnen.

 

 

 

 

 

ESRA-Schriftendienst   Postfach 1910   71209 Leonberg

 

©  2012  Rudolf Ebertshäuser

 

Veröffentlicht im Februar 2013 auf www.das-wort-der-wahrheit.de

 

 

 

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Ebe

3 thoughts on “Rezension: Johannes Reimer “Die Welt umarmen” (Rudolf Ebertshäuser)

  1. Auf der Suche nach Kritiken an Johannes Reimer treffe ich immer wieder auf Kritiker die selbst über das Ziel hinausschießen. Keiner der bisher gelesenen, auf diesen Artikel trifft das auch zu, vermag differenziert schreiben. Alle sind in ihrer Schwarz-Weiß Welt gefangen, selbstbewusst die Wahrheit erkannt zu haben und diese zu verteidigen. Die Anbetung der Wörter und die daraus verstandenen Spitzfindigkeiten sind am Ende nur noch Eitelkeit der Streitenden und Ignoranz der historischen Entwicklung der christlichen Bewegung sowie ihrer Texte.

    Ich habe mehrere Vorträge von Johannes Reimer gehört und denke man kann ihn ohne große Argumentation als problematisch beschreiben. Das größte Problem sehe in seinem proklamierten Aktionismus der vor allem junge Menschen schwerwiegend desillusionieren kann, sofern diese versuchen ihm nachzueifern.

    Auf der anderen Seite sind da Kritiker die meist auf verbal-fundamentlistischen Kontexten heraus argumentieren und genauso pseudo-theologisch fundiert sind wie Prof. Dr. Reimer der sich schmückt mit Titeln, spirituellen Heldengeschichte, Intellektualität usw.

    Jetzt suche ich noch nach einem Artikel, der die spirituellen Erfahrungen (von Reimer) als Lüge entarnt. Er erzählt ja sehr verwunderliche Dinge. Sollte man ihm dabei des Betrugs entlarven, ist seine tolles Saubermann-Image für immer weg. Das er betrügt ist hinsichtlich der Geschichten die erzählt sehr wahrscheinlich.

    PS: Das ideologische Meinungsgeflecht von Religionsgründern, -verteidigern und -kritikern ist so widersprüchlich (sofern diese glauben die absolute Wahrheit erkannt zu haben), dass von n Menschen mindestens n-1 Menschen irren (können aber auch n sein). Gut verdeutlicht sich dieser Zusammenhang in einer Szene in der Zeichentrickserie die Simpsons. Auf die Frage hin: “Gott, wer waren denn jetzt die Richtigen?” folgt die Antwort: “Die Mormonen!”.

  2. Pingback: Nicht Ihr habt mich erwählt, oder etwa doch "gemeinsam für Berlin"? (S.Schad) | dominionismus.info

  3. Am liebsten würde ich den Herrn Reimer (Bruder verkneife ich mir, weil ich es
    nicht glaube, dass er ein Bruder in Christus ist) einmal fragen, ob er jemals in
    seinem Leben Menschen so zu Jesus geführt hat, dass sie sich versöhnen
    ließen mit Gott durch das Blut unseres Herrn Jesus.
    Ich würde ihn das deshalb fragen, weil vor dem Richterstuhl Christi ihm diese Frage von dem Richter Jesus gestellt werden wird, der ihm den Film seines
    Lebens zeigen wird und die vielen Menschen, die er verführt hat, die Nachfolge
    Christi zu verlassen. Und der Film wird ihm die vielen Menschen zeigen, die er
    umgebogen hat von einer missionarischen Bestimmung weg zu einer zum
    Scheitern verdammten Verbesserung der Welt, die letztlich doch zugrunde gehen wird im Gericht Gottes, das wir jetzt schon sich realisieren sehen, z.B.
    in der Klimaveränderung. Herr Reimer hat eine Philosophie der zu kurzen
    geistlichen Bettdecke, will meinen, er hat schon heute ein Problem, seine
    geistliche Blöße zu bedecken, und sobald er das versucht, fehlt die Decke anderswo. Der barmherzige Samariter ist nicht ein politisch-soziales Konzept sondern ein geistlich-missonarisches Konzept, nämlich das der Nächstenliebe, die niemand besser ausüben kann als der missionarische Mensch, der Jesus und Seinen Auftrag verstanden und sich selbst zu eigen gemacht hat. –

    Ein Johannes Reimer, der sich nicht zu Jesus bekehrt und sich Ihm unterwirft, muss aus den Lehrämtern christlicher Schulen entfernt werden. Wenn nicht, machen sich die Rektoren mitschuldig am geistlichen Niedergang des christlich Zeugnisses. Blinde Leiter der Blinden – beide fallen in eine Grube. Matth. 15,14.

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